Geständnis 010

Zwei Namen

Person auf einem Bahnsteig in der Dämmerung, zwischen zwei Welten

In der Stadt, wo ich studiere, kennt mich niemand unter dem Namen, der in meinem Ausweis steht. Ich bin Finn, mit kurzen Haaren, in Kleidung, die zu mir passt, und niemand stellt Fragen.

Zu Hause, zwei Zugstunden entfernt, bin ich seit zweiundzwanzig Jahren ein anderer Name, ein anderer Mensch. Ich lasse meine Haare vor jedem Besuch wachsen, lege die Kleidung an, die meine Mutter mir kauft, und antworte auf einen Namen, der sich anfühlt wie ein zu enger Mantel.

Meine Familie ist nicht grausam. Meine Mutter ist in der Kirchengemeinde aktiv, mein Vater hat einmal beiläufig gesagt, „solche Sachen“ seien „eine Phase, die die Jugend heute eben hat“. Ich habe nie den Mut gefunden herauszufinden, ob das stimmt.

Jedes Mal, wenn der Zug nach Hause fährt, spüre ich, wie ich mich Kilometer für Kilometer zurückverwandle. Es ist erschöpfend auf eine Art, die ich niemandem erklären kann, der es nicht selbst macht.

In der Stadt habe ich Freunde, die mich nur als Finn kennen. Sie wüssten nicht einmal, wie sie mich zu Hause nennen müssten, wenn sie mich dort abholen würden. Manchmal wünsche ich mir, die beiden Welten würden sich nie berühren.

Ich weiß nicht, wann ich es meiner Familie sagen werde. Vielleicht wenn meine Großmutter nicht mehr lebt, vielleicht nie. Ich hasse mich manchmal dafür, dass ich so denke – aber es fühlt sich sicherer an, zwei Namen zu haben, als nur einen zu riskieren.

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