Ich stehe seit vierzig Jahren jeden Werktag um fünf Uhr auf. Meine Frau denkt, ich mache das, weil ich schlecht schlafe. Das habe ich sie all die Jahre glauben lassen.
Die Wahrheit ist: Um fünf Uhr ist das Haus leise, und ich kann mich für eine Stunde an unser altes Klavier im Keller setzen, mit dem Kopfhörer-Adapter, den ich mir 1987 selbst eingebaut habe, damit niemand mich hört.
Mit zwanzig hatte ich einen Studienplatz am Konservatorium. Ich habe ihn nie angetreten. Meine Frau war schwanger, mein Vater brauchte Hilfe im Betrieb, und ein Klavierstudium klang plötzlich wie ein Luxus, den sich niemand in unserer Familie je geleistet hatte.
Ich habe es nie bereut, gesagt zu haben, was zu sagen war. Aber ich habe seit fünfundvierzig Jahren jeden Morgen dieselbe Chopin-Etüde geübt, die ich beim Vorspiel für die Aufnahmeprüfung gespielt habe. Sie ist inzwischen fehlerfrei. Niemand hat sie je gehört.
Meine Kinder kennen mich als den Mann, der „leider unmusikalisch“ ist, weil ich bei Familienfeiern nie ans Klavier gehe. Meine Frau hat vor Jahren aufgehört zu fragen, was ich morgens im Keller mache – ich glaube, sie will es lieber nicht wissen, oder sie weiß es längst und lässt mir den einen Ort, der nur mir gehört.
Manchmal, wenn ich fertig bin, sitze ich noch eine Minute mit den Händen auf den Tasten, bevor ich sie schließe. Dann gehe ich nach oben, mache Kaffee, und bin wieder der Mann, der er sein sollte.

