An unserer Schule war es Tradition, dass die Absolventen des Abschlussjahrgangs nach der Abiturprüfung den sogenannten Abiturscherz veranstalten durften. An einem ansonsten ganz normalen Schultag durften sie dann das Schulgebäude übernehmen und den Lehrkräften allerhand lustige Aufgaben stellen. Zur Vorbereitung dieses Scherzes war es ihnen erlaubt, bereits den Tag und die Nacht zuvor in der Schule zu verbringen.
In dieser Nacht wurde von den Absolventen natürlich nicht nur der Abiturscherz vorbereitet, sondern auch reichlich gesoffen. Auch mir wurde dieses Vergnügen zuteil, und so schlenderte ich in ziemlich betrunkenem Zustand durch das nächtliche Schulhaus. Dabei begegnete ich einer Gruppe Mitschüler, die gerade herausgefunden hatten, dass es von der Mädchentoilette im obersten Stockwerk aus eine Treppe direkt hinauf zum Schuldach gab.
Wir beschlossen also, auf das Dach der Schule zu steigen. Eine besorgte Mitschülerin wollte mich noch davon abhalten – sie meinte, ich sei viel zu betrunken und es wäre zu gefährlich. Doch ich winkte ab und versicherte ihr, ich sei vollkommen fit.
Wenig später wandelte ich auf dem Flachdach unserer Schule umher, genoss den Anblick des Sternenhimmels und das surreale Gefühl, in dieser besonderen Nacht über den Dingen zu stehen.
Irgendwann blieb ich andächtig stehen, blickte nach unten. In diesem Moment bemerkte ich, dass ich nur noch einen Schritt vom Rand des Daches entfernt war und beinahe in den dunklen Innenhof der Schule, der nachts in völliger Finsternis lag, gefallen wäre.
In diesem Augenblick wurde mir wohl zum ersten Mal die Zerbrechlichkeit des Lebens auf sehr eindrückliche Weise bewusst.
Der Abiturscherz am nächsten Tag war natürlich Mist, denn mein Kopf schmerzte vom Kater – aber wohl nicht annähernd so stark, wie wenn ich tatsächlich vom Dach der Schule gefallen wäre.

