Ich habe das nie jemandem erzählt. Nicht meinen Freunden, nicht meiner Familie. Aber eines Nachts habe ich ein Leben gerettet.
Es war spät, vielleicht gegen Mitternacht. Ich war gerade erschöpft von der Arbeit nach Hause gekommen und trat auf meinen Balkon, um frische Luft zu schnappen. Ich wohne im 14. Stock, und von dort oben sieht man die ganze Stadt – flackernde Lichter, Autos, die wie kleine Ameisen umherziehen.
Und dann hörte ich es. Ein leises, kratzendes Geräusch. Zuerst dachte ich, es sei der Wind, aber dann sah ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Eine Katze. Balancierend auf dem schmalen Sims des Nachbarbalkons, eine Etage über mir.
Ich erstarrte. Sie bewegte sich vorsichtig, aber ich konnte es sehen – sie rutschte ab.
Ich dachte nicht nach. Ich handelte einfach. Ich beugte mich über mein eigenes Geländer, streckte die Arme so weit aus wie möglich, und dann geschah es. Sie verlor den Halt.
Für eine Sekunde schien die Zeit stillzustehen. Die Katze drehte sich in der Luft, ihre kleinen Pfoten griffen nach irgendetwas, irgendetwas. Und dann – der Aufprall. Aber nicht auf dem Boden.
Auf mir.
Ich hatte sie gefangen. Gerade so. Sie zappelte, ihre Krallen gruben sich in meine Arme, aber sie war in Sicherheit. Mein Herz schlug so heftig, dass ich kaum atmen konnte.
Ich hielt sie fest und flüsterte: „Es ist okay, du bist okay.“ Dann stieg ich, ohne einen Laut, die Treppe hinauf, setzte sie vor der Tür meines Nachbarn ab und klopfte einmal, bevor ich wieder in meiner Wohnung verschwand.
Am nächsten Morgen sah ich meinen Nachbarn draußen, wie er nach seiner Katze rief. Sie war schon drinnen, zusammengerollt auf seinem Sofa, ohne eine Ahnung, wie knapp sie dem Unglück entkommen war.
Er hat nie erfahren, was passiert ist. Niemand hat es.
Aber ich weiß es. Und das war genug.

